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Buchtipp – Julia Korbik: Stand up – Feminismus für Anfänger & Fortgeschrittene

Ein kleiner Selbstversuch: Schon mal bei einem lockeren Partyplausch in geselliger Runde das „F-Wort“ fallen lassen? Augenrollen und zotige Witze sind noch die harmloseren Reaktionen. Warum, so fragt Julia Korbik, hat der Feminsmus eigentlich so ein schlechtes Image? Insbesondere junge Frauen reagieren oft geradezu allergisch, wenn die Sprache auf Feminismus kommt.

 

 

Klar: „Im Vergleich zu, sagen wir mal, dem Mittelalter, wo Frauen die aus der Rolle fielen, als Hexen verbrannt wurden, geht es dem weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung heute gut. Und im Vergleich zu Ländern, wo weibliche Genitalien mit rostigen Rasierklingen (…) verstümmelt werden, auch. Trotzdem ist die Bundesrepublik Deutschland von einem gleichberechtigten Wunderland weit entfernt.“ Noch immer verdienen Frauen hierzulande deutlicher weniger als ihre männlichen Kollegen – bei gleicher Qualifikation und Berufserfahrung. Im europäischen Vergleich ist der sogenannte Gender Pay Gap, also der geschlechterspezifische Lohnunterschied, in Deutschland und Österreich sogar am höchsten. Bei uns beträgt der statistische Unterschied zwischen Frauen- und Männereinkommen stolze 22 Prozent. Auch die Führungsetagen sind mitnichten von Frauen bevölkert, es sind gerade mal drei bis acht Prozent der Führungskräfte weiblich – je nach Branche und Erhebungsmethode.

 

 

Das Ehegattensplitting – ein Relikt aus der Zeit, als arbeitswillige Frauen noch auf die Erlaubnis ihren Gatten hoffen mussten (erst 1977 durften Frauen auch gegen den Willen ihres Mannes einen Arbeitsvertrag unterschreiben) – festigt nach wie vor die traditionelle Arbeitsteilung und innerfamiliäre Rollenzuweisung. Denn je größer der Gehaltsunterschied der Partner, umso höhere Steuervorteile genießen beide als Paar. Was dazu führt, dass es sich für die schlechterverdienende Partei, meistens die Frau, lohnt, gar nicht oder nur in Teilzeit zu arbeiten. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken bringt es auf den Punkt: „Bundesdeutsche Familienpolitik hat die Frau in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter, nicht aber als berufstätige Bürgerin gefördert.“ Und genau das tut sie immer noch. Zwar hat die Politik mittlerweile erkannt, dass Kinderbetreuungsmöglichkeiten eine wichtige Stellschraube in Punkto Geschlechtergerechtigkeit sind und ihren Ausbau gefördert. Trotzdem gibt es immer noch viel zu wenig Krippen- und Kitaplätze in Deutschland. Es geht zwei Schritte vor und einen zurück: Aussetzer wie die so genannte „Herdprämie“ sind an der Tagesordnung. Erst im letzen Jahr wurde das 2012 eingeführte Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht „fremdbetreuen“ lassen, vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Nur die Bayern halten weiter fest an einer reaktionären Maßnahme, die gestrige Rollenbilder zementiert.

Nach der aufmerksamen Lektüre von „Stand up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ dürfte es keinen Zweifel mehr geben: Es gibt noch so einiges zu tun, soll die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau mehr sein als ein zahnloser
Papiertiger.

 

Text: Frauke Niemann, MITTENDRIN Juni, Juli, August 2016


Verfasst am 01. Juli 2016

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