Artivismus 2_Beitrag

Die Stadt als öffentliche Bühne

Das Kunstwort Artivismus meint die Verbindung von politischem Aktivismus mit den Mitteln der Kunst. Peter Weigel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie prägt diesen Begriff. Es ist für ihn die „erste wirklich neue Kunstrichtung des 21. Jahrhunderts“. Also eine wirkliche Neuerung, denn kunstgeschichtlich betrachtet, befindet sich die abendländische Kultur immer noch in der Postmoderne.

Artivismus bietet für Künstler und Aktivisten einen Nährboden, in dem ihre Ideen gewissermaßen verschmelzen können, somit wird Artivismus als mögliche „Reparaturkultur“ unserer Zeit angesehen, auch, um Demokratie mit neuem Leben zu füllen und Systeme zeitweilig in Frage zu stellen. Das Phänomen Artivismus treibt nicht nur Menschen in den westlichen Metropolen um. Es beschäftigt nicht nur die Kreativen oder künstlerisch Tätigen, sondern auch politische Aktivisten, die sich gezielt für Menschenrechte und Bleiberechte, gegen Ausgrenzung und Armut engagieren.

 

 

Kunst & Aktion im Alltag der Stadt
Lilo Schmitz versammelt in ihrem Sammelband „Artivismus _ Kunst und Aktion im Alltag der Stadt“ viele unterschiedliche Beispiele aktivistischer Stadtkunst und zeigt Möglichkeiten auf, wie der einzelne sich oder eine Gruppe aus unterschiedlicher Motivation um ein Stückchen Stadt „kümmern“ kann, um auf alle Fälle eins zu erreichen: Identifikation mit einem Ort und das Selbstvertrauen, etwas bewegen zu können. Denn Menschen in der Stadt interessiert es, welches Recht auf Mitsprache sie in einer Demokratie haben, was sich z.B. anhand des Themas, wem der öffentliche Raum gehört, gut diskutieren lässt.

Ein Fotoprojekt begleitet Müll- und Papiersammler in Istanbul, die in Junggesellen-Zimmern leben. Aus Deutschland zeigt das Beispiel neu eingereister Menschen aus Rumänien und Bulgarien, wie Politik Mängel erzeugt und wie sich Menschen voller Solidarität und Freundschaft, gemeinsam gegen die verarmenden Strukturen stellen.

 

 

Stadt selber machen
Ein neuer Mitmachurbanismus ist entstanden. Diese Lust, Stadt selber zu machen, macht aus ihren Bewohnern, die von der Ökonomie oft nur aufs Konsumieren reduziert werden, wieder Benutzer und Produzenten. Urban Gardening zählt ebenso zum Mitmachurbanismus wie z.B. Stadt-Biographie-Arbeit.

Menschen gehen auf Entdeckungsreise, entwickeln bunte Muster von Kreativität, mischen sich mit phantasievollen künstlerischen Produktionen ein und erkennen, dass sie sich auf viele Weisen beteiligen können und dass Projekte eine produktive und positive Kraft haben. Diese stärkende Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist ein zukunftsweisender Effekt.

Den offenen Blick zu stärken und Möglichkeiten für Beteiligung aufzuzeigen, wird jungen wie alten Menschen in Schule und Freizeit in der Identifikation mit ihrer Stadt helfen. Dass auch Senioren engagiert dabei sind, wenn es um Artivismus geht, zeigt eindrucksvoll ein Düsseldorfer Projekt. Die sogenannte „Angströhre“ ist ein Tunnel, der die Düsseldorfer Stadtviertel Benrath und Paulsmühle unter mehreren Bahngleisen verbindet. Diesen Ort belebten die Senioren selbst künstlerisch neu, indem sie sich zusammenschlossen und verschiedene Events ausprobierten: Strickrunden, Tanztee, Flohmarkt, gemeinsame Turnübungen. So nahmen sie sich dieses notwendige Stück Architektur und füllten es mit Sinn und Freude, erschufen gemeinsam etwas Neues.

Ein weiteres beeindruckendes und nicht ganz ungefährliches Ativismusbeispiel ist die Performance „Standing Man“ des Choreographen und Tänzers Erdem Gündüz während der Proteste im Gezi-Park in Istanbul. Gündüz stand inmitten der aufgewühlten Menge stundenlang  stumm und bewegungslos da und stellte sich so der Polizeigewalt entgegen. Er stand nicht lange alleine. Diese Aktion inspirierten Andere zu ähnlichen Aktionen, z.B. am ZKM Karlsruhe.

Der Sammelband „Artivismus“ zeigt vielfältige Ideen, wie jeder sich als Bürger seiner Stadt annehmen kann und macht Lust, verschiedene Aktionen auszuprobieren und weiterzutragen.

 

Literatur zum Thema

Lilo Schmitz (Hg.): Artivismus.
Kunst und Aktion im Alltag der Stadt.
Transcribt Verlag,
278 Seiten, 24,99 Euro

Tobias Morawski: Reclaim Your City.
Verlag Assoziation A,
168 Seiten, 16 Euro

Malte Bergmann, Bastian Lange (Hg.): Eigensinnige Geographien.
VS Verlag für Sozialwissenschaften,
306 Seiten, 39,95 Euro

 

Text: Barbara Schwarz, MITTENDRIN Juni, Juli, August 2016. Foto: Pixabay


Verfasst am 30. Juni 2016

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