Erwin-Wurm_Bei-Mutti_Beitrag

Erwin Wurm

Der Österreicher Erwin Wurm, Jahrgang 1954, zählt zu den erfolgreichsten Gegenwartskünstlern. 1987 war er Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. Jetzt widmet ihm die Berlinsche Galerie als erste Berliner Einrichtung eine monographische Ausstellung.

 

Wurm holt den Rezipienten aus der Ecke des reinen Betrachters. Der Zuschauer wird spielerisch Teil seiner Kunstwerke, bei denen die Grenzen zwischen Skulptur, Objekt und Performance verschwimmen.  Mittelpunkt der Ausstellung ist das Narrow House, eine begehbare Nachempfindung des Wurmschen Elternhauses in Oberschöckl bei Graz in der Steiermark. Es ist von den Blumenkästen bis zur Tapete ein detailgetreuer Nachbau, allerdings zusammengestaucht auf 1,10 Meter Breite. So macht Wurm die Enge der Provinz erlebbar und verweist gleichzeitig auf die Entferung zwischen Kinderblick und Erwachsenensicht.

 

In den One Minute Sculptures geht Wurm noch einen Schritt weiter. Hier partizipiert der Betrachter nicht mehr nur. Nein, er wird selbst zum Kunstwerk. Durch genaue zeichnerische Anweisungen gibt der Künstler die Posen vor, die der Ausstellungsbesucher einnehmen soll. Das kann ein Stuhl sein, den es wie einen Latz anzuziehen gilt,  ein
Pulli, in dem zwei Menschen stecken oder Gläser, die auf den Schuhsohlen im Liegen abgestellt werden. In „Keep a cool head“ sollen die Besucher die Aufforderung wörtlich nehmen und ihren Kopf in einen Kühlschrank stecken. Das Werk „Confessional“ (Beichtstuhl) bilden zwei Besucher, die ihren Kopf in eine Hundehütte stecken.

 

Wenn das Publikum Wurms Aufforderung zum Mitmachen befolgt, findet es sich schnell in den absurdesten Situationen wieder. Der Spaßfaktor für Jung und Alt ist auf jeden Fall garantiert durch die Umwertung und Neukombination von Alltagsgegenständen. Crossover eben. Wurm sagt von sich, dass er ein sehr politisch denkender Mensch ist, aber kein politischer Künstler. Er nutzt den Humor regelrecht als Waffe, indem er den Alltag aus einer anderen Perspektive zeigt.

 

In seiner Heimat wurde Wurm schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2015 als er zum „Österreicher des Jahres“ in der Kategorie Kulturerbe gekürt wurde. Er prägte auch die Kunst im öffentlichen Raum, etwa mit seiner Installation „Gurken“ 2011 in Salzburg.

 

Neben den Skulpturen und Performances gibt es in der Berliner Ausstellung auch Einzelblätter aus Wurms Werk „Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen“ inklusive Speiseplänen, Rezepten und Instruktionen, wie man in acht Tagen seinen Körperumfang erheblich steigert. Ein Teil der Präsentation widmet sich skulpturalen Arbeiten, die erst in den letzten Monaten entstanden sind. Es sind Gegenstände aus der Alltagswelt, allesamt deformiert: verbeulte Kühlschränke, riesige verformte Telefone und eingeknickte Sideboards. Wurm bildet die Objekte aus verschiedenen Materialien nach und verfremdet sie gleichzeitig durch Verzerrung und Größenverschiebung. Zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag ein Katalog mit etwa 80 Abbildungen, der sich hauptsächlich den bisher nur in Ausschnitten veröffentlichten Zeichnungen Wurms widmet.

 

Text: Barbara Schwarz, MITTENDRIN Juni, Juli, August 2016, Foto: Erwin Wurm, Confessional (One Minute Sculpture), Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar


Verfasst am 02. Juli 2016

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