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Filmhelden auf Abwegen

Der Begriff “Crossover” ist nicht nur ein Thema für Kunstprojekte oder den öffentlichen Raum, sondern auch ein beliebtes filmisches Motiv. Er bezieht sich dabei auf das “Überkreuzen” von Figuren oder Orten. Es handelt sich also um ein Phänomen, das besonders wichtig für die Handlung von Filmen ist. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten, wie zwei oder mehr Filmwelten aufeinander verweisen und somit ineinandergreifen können.
Die simpelste Variante eines filmischen Crossovers stellt (neben der schlichten Erwähnung andere Filmfiguren und -Welten) der Cameo-Auftritt dar. Dabei “besucht” ein bekannter Charakter eine für ihn sonst fremde Filmwelt. Diese Momente sind besonders häufig humoristischer Natur.

So findet sich zum Beispiel in der Western-Komödie “A Million Ways to Die in the West” (2014) von Seth MacFarlane so ein Moment. Die Hauptfigur Albert betritt einen Schuppen und findet dort den aus der “Zurück in die Zukunft”-Reihe bekannten Doc Brown bei der Arbeit an seiner Zeitmaschine vor. Entscheidend für diesen Cameo-Auftritt sind die vielen hör- und sichtbaren Verweise auf die eigentlich fremde Filmwelt. Erst durch die erneute Besetzung von Christopher Lloyd, das entsprechende Kostüm und die bekannten Sprachmuster wird deutlich, um wen es sich in der Szene handelt.

Hinzu kommen die berühmte Zeitmaschine in der Form eines DeLoreans sowie subtile musikalische Verweise auf die “Zurück in die Zukunft”-Reihe. Aus diesen Puzzlestücken ergibt sich sehr schnell und sehr deutlich das erwünschte Bild: Hier handelt es sich tatsächlich um Doc Brown. Ein Eindruck, der im Film selbst nie an- oder ausgesprochen wird. Ebenfalls wichtig für einen Cameo-Auftritt: Er dauert nur wenige Minuten. Die Szene ist schnell vorbei, denn der Witz ist beim Publikum angekommen. Wichtig für die Handlung sind solche Momente eher selten.

 
Crossover als handlungstragend
Ganz anders verhält es sich hingegen, wenn diese Crossover-Momente die Handlung des Filmes voranbringen. Solche Momente werden mittlerweile besonders gern innerhalb eigener Filmwelten als Ausgangspunkt für Neustarts und Parallelgeschichten benutzt. Die jüngsten “Star Trek”-Verfilmungen sind dabei ein gutes Beispiel. In “Star Trek” (2009) wird gleichzeitig ein Neustart der gesamten Filmreihe, aber auch eine Einreihung dieses Neustarts in die Tradition der Serie vorgenommen. Die Schlüsselfigur ist dabei der von Leonard Nimoy gespielte Mr. Spock, der als Bindeglied zwischen alter und neuer Filmwelt auftaucht. Der Film versteht sich selbst als Neustart und besetzt alle ikonischen Figuren mit neuen, jüngeren Schauspielern und veränderten Charaktereigenschaften. So auch Mr. Spock, der fortan von Zachary Quinto gespielt wird. Der “alte” Spock aus der “alten” Filmwelt taucht als Dimensionsreisender innerhalb des Filmes auf und bringt so die beiden Filmwelten zusammen. Der Film sagt dem Publikum also: Ab jetzt wird alles neu und anders, aber die vergangenen Erzählungen lassen sich immer noch damit vereinbaren.

 

Filmuniversen durch Crossover
Der jüngste und derzeit populärste Hollywood-Trend dürfte als Königsdisziplin des Crossovers angesehen werden: Das gemeinsame Filmuniversum. Durch den allgemeinen Siegeszug der Comichelden auf der großen Leinwand und ganz besonders durch Marvels clevere Vorgehensweise mit den “Avengers” (2012) werden Crossover zu mehr als nur kleinen oder großen Gimmicks. Erstmals teilen sich Filmfiguren nicht nur eine gemeinsame Welt, sie bauen sie sogar aktiv auf! Der große Siegeszug der Avengers wurde nämlich von langer Hand geplant und mit vielen kleinen Cameos und handlungstragenden Crossovern vorbereitet.

 

Los ging es mit dem ersten “Iron Man” (2008), an dessen Ende Nick Fury einen Cameo-Auftritt hat und suggeriert, dass die im Film aufgebaute Welt weitere Superhelden als Iron Man kennt. Ebenso beim Marvel-Film “The Incredible Hulk” aus dem gleichen Jahr. Im ersten Schritt wurden simple Verweise der Superhelden-Filme aufeinander gesetzt. Im zweiten Schritt in der Form von “Iron Man 2” (2010) wurden diese zaghaften Verweise handlungsfüllend ausgebreitet. Anstatt lediglich nach dem Abspann in kurzen Cameo-Auftritten aufzutauchen, wird in diesem Streifen aktiv an einer gemeinsamen Filmwelt, gar einem ganzen Filmuniversum gebaut. Helden wie Black Widdow und War Machine werden hier eingeführt und in den späteren Avengers-Filmen erneut aufgegriffen. Agent Coulson taucht erneut auf und verweist mit seinem Auftritt auf den nächsten Film innerhalb des Marvel Filmuniversum. “Thor” (2011) konzentriert sich mit seiner Erzählung zwar auf den Titelhelden, knüpft mit Agent Coulson aber an “Iron Man 2” an und bringt mit Hawkeeye gleich noch einen weiteren Helden ins Spiel. In “Captain America” (2011) wird mit dem Protagonisten ebenfalls ein neuer Held der späteren Avengers eingeführt, doch auch das Objekt der Begierde für den Bösewicht taucht im gemeinsamen Filmuniversum wiederholt auf.

 

Kurzum: Obwohl vier der fünf Filme als eigenständige Geschichten und Filme funktionieren, verweisen ihre Handlungen so stark aufeinander, dass sie schon als Fortsetzungsgeschichten innerhalb derselben Filmwelt angesehen werden können. Genau dieses Argument liefert auch schlussendlich “Marvel’s The Avengers” (2012), bei dem alle erwähnten Helden erstmals filmisch aufeinandertreffen. Das Crossover-Experiment ist nicht nur vollendet, sondern auch hervorragend geglückt. Dabei ist die Idee eigentlich nicht neu.

 

Crossover als neues Paradigma
Es gibt viele Möglichkeiten, um Filme miteinander zu kreuzen. Von kleinen Details und humorvollen Cameos bis hin zum Aufbau ganzer gemeinsamer Filmwelten. Der große Erfolg von Marvel zeigt, dass Hollywood durch Crossover in einem neuen Paradigma steckt, dem Paradigma der Filmuniversen. Was das für die Erzählweisen und -mechanismen von Filmen bedeuten wird, lässt sich momentan nur erahnen. Es kann trotz aller berechtigten Kritik aber auch als Chance für eine völlig neue Art der Erzählung angesehen werden. Eine Form der Erzählung, bei der die erzählte Welt ebenso wichtig genommen wird wie die Charaktere, die in diesen Welten leben.

 

Text: Christian Steiner, MITTENDRIN Juni, Juli, August 2016. Foto: Pixabay


Verfasst am 29. Juni 2016

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