crossover_SW_Beitrag

Neue Wege gehen

Mit Neuem tun wir uns oftmals schwer. Denn das Neue ist ein zweischneidiges Schwert, birgt es doch Chance und Risiko gleichermaßen. Und allzugerne blenden wir die positiven Möglichkeiten aus, die uns das Unbekannte, Unerschlossene bietet und sehen nur noch die Gefahren, die jenseits gewohnter Bahnen lauern.

Gehen wir einen großen Schritt zurück. Evolutionsbiologisch gesprochen ist Vorsicht eine durchaus sinnvolle Eigenschaft. Wer Vorsicht walten lässt, überlebt. Es kann von Vorteil sein, gelegentlich die Beine in die Hand zu nehmen und vor unkalkulierbaren Gefahren Reißaus zu nehmen, vor einem wild gewordenen Säbelzahntiger beispielsweise. Das wussten unsere Vorfahren nur allzugut. Die Geschichte der Menschheit wäre allerdings weit weniger erfolgreich ohne eine andere evolutionsfördernde Komponente verlaufen: die Neugierde. So wurden bereits in der Steinzeit viele der heute noch üblichen Werkzeuge entwickelt. Diese Errungenschaften, die das Überleben sicherten und einfacher machten, sind das Ergebnis von Neugierverhalten, dem Verlangen, Neues zu
entdecken, auszuprobieren und munter drauflos zu kombinieren. Wir sind also auf Menschen angewiesen, die sich trauen, neue Wege zu gehen, die den Mut haben, das Gewohnte hinter sich zu lassen. Ihnen verdanken wir neue Erkenntnisse, kurz Fortschritt im positivsten Sinne.
Machen wir einen kleinen Zeitsprung. Für den antiken Philosophen Platon ist das Staunen, das „Sich-Wundern“ der Anfang aller Erkenntnis (und damit aller Wissenschaft). Das Staunen ist die
Voraussetzung, etwas Neues zu entdecken, sozusagen der Zündstoff der Neugierde. Wer staunt, hinterfragt vermeintlich Bekanntes, will es genau wissen, setzt sich eigenständig mit einer Sache auseinander und verlässt sich nicht auf Altbewährtes oder herkömmliche Lösungen.

Neugierige sind in guter Gesellschaft. Albert Einstein, einer der großen Denker der Neuzeit, dessen physikalische Forschungen unser Weltbild maßgeblich veränderten, begründete seinen wissenschaftlichen Erfolg in einem Brief einmal so: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Nicht immer aber treffen die Erkenntnisse der Neugierigen und Staunenden auf offene Ohren und offene Arme. Gestern wie heute haben diese den Widerstand derjenigen zu befürchten, die Veränderungen als Bedrohung empfinden. Nur zu gerne wollen sie festhalten am Status quo. Das ist bequem und unkompliziert. Und überhaupt, es ist doch alles gut so, wie es ist, oder etwa nicht?

Nein, ist es nicht. Es bringt uns weiter, neue Wege zu gehen, auch wenn das nicht jeder gleich einsehen will, oder manchmal erst nach Jahren, Jahrzehnten – oder wenn es ganz schlecht läuft nach Jahrhunderten –  die Leistungen der Quer- und Andersdenkenden wertgeschätzt und anerkannt werden. Lassen wir uns das Staunen nicht vermiesen! Natürlich ist es nicht jedem, der seiner Neugierde folgt, gegeben, eine bahnbrechende Entdeckung zu machen oder die Relativitätstheorie umzuschreiben. Darum geht es auch gar nicht.

Es geht um den Blick über den Tellerrand: Wir müssen die Welt nicht neu erfinden. Aber es gilt, sie zu entdecken, sich mit dem Gegebenen eigenständig auseinanderzusetzen, eigene Erfahrungen zu machen und Rückschlüsse zu ziehen und nicht blindlings an das zu glauben, was einem dieser oder jene als der Weisheit letzter Schluss präsentiert. Wer neugierig ist, erschließt sich und der Welt neue Möglichkeiten,
nutzen wir sie!

 

Text: Frauke Niemann. Aus: MITTENDRIN Juni, Juli, August 2016


Verfasst am 27. Juni 2016

Mitglied werden

Werden Sie Mitglied im KVPB und füllen Sie folgendes Formular aus.

Nach Oben