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Warum Supermans größte Fähigkeit die Erziehung ist

Wertevermittlung im Film

Die Ethik mag zwar eine eigene Wissenschaft sein, sie setzt sich aber mit einem allzu alltäglichen Phänomen auseinander: dem menschlichen Handeln. Dieses findet sich überall dort, wo auch der Mensch anzutreffen ist. Im Alltag, in der Schule und natürlich auch im Kino. Besonders das populäre Kino darf dabei nicht übersehen werden. Die weltweit größten Vertreter des populären Films sind vermutlich Superhelden. Ein Blick auf den Urvater der Superhelden-Erzählungen zeigt, dass es sich bei diesem Genre um mehr als nur kindliche Phantasien handelt. Richard Donners Superman von 1978 zeigt uns, wie wichtig Erziehung ist.

 

Die Ethik als Teildisziplin der Philosophie betrachtet das menschliche Handeln und hinterfragt sowohl den Menschen, als auch seine Taten. Begriffe wie “gut” und “richtig” fallen dabei sehr schnell. Der Sprung ins Kino und in die zahlreichen Verfilmungen der modernen Superhelden-Mythologien mag zwar ungewöhnlich anmuten, stellt sich aber sehr schnell als sehr naheliegend heraus. Schließlich basieren sämtliche Helden-Konzepte auf dem ewigen Kampf von ‚Gut‘ gegen ‚Böse‘ von ‚richtigen‘ Helden und ‚falschen‘ Schurken. Ihre Protagonisten definieren sich und ihre Heldenrollen explizit über ihre eigenen Taten. Erst, wenn der gute Batman den bösen Joker einsperrt, darf er sich Held nennen. Erst, wenn Spider-Man die Diamanten-Diebe schnappt, ist das geltende Recht und die vorherrschende Ordnung wieder hergestellt. Dies tun sie auf der Leinwand freilich unter Einsatz modernster Tricktechnik und in der Regel mit großen Explosionen. Das vermag zu unterhalten, darf aber vom eigentlich Kern nicht ablenken: Hier werden Werte vermittelt. Der Held markiert durch den Eingriff in den Handlungsverlauf eine Grenzüberschreitung der Schurken. Das geltende Recht wird ignoriert, und dieser Vorgang muss geahndet werden. Durch diesen Mechanismus zeigen sich nicht nur die eigenen Werte des Helden, sondern auch die der filmischen und außerfilmischen Gesellschaft.

 

Dabei unterscheiden sich die Helden nicht nur in der Wahl ihrer Kostüme und Fähigkeiten, sondern auch in ihren grundlegenden Werten. Spider-Mans Onkel formuliert dies eindrucksvoll im gleichnamigen Film von 2002: “Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.” Erst durch das tragische Missachten dieser Lebens-Lektion entscheidet sich der Protagonist Peter Parker für den Wert der Verantwortung und wird dadurch schlussendlich zum Helden Spider-Man. Ähnlich verhält es sich bei Bruce Wayne, der durch den tragischen Tod seiner Eltern als Kind schwer traumatisiert wird. Erst mit der Heldwerdung als Batman schafft er es, dieses Trauma zu überwinden. Batman steht also für den Wert der Überwindung. Diese Liste ließe sich durch die bunte Riege der Superhelden weiter ergänzen: Aus dem schwächlichen Steve Rogers wird der starke Captain America, weil er mutig und tapfer ist. Aus Hal Jordan wird Green Lantern, weil er furchtlos ist. Doch es gibt eine Ausnahme, die weitaus komplexer zu sein scheint. Eine Ausnahme, die als Urvater der modernen Superhelden-Mythologie angesehen werden kann, sowohl in Comic- als auch in Film-Form: Superman. Clark Kent wird bereits als Kind mit seinen außergewöhnlichen Kräften konfrontiert und entscheidet sich erst als erwachsener Mann zur Heldenrolle als Superman. Dabei ist ihm eine ganz besondere Fähigkeit vergönnt, die so auf keinen der erwähnten Helden zutrifft: Er wurde zum Helden erzogen.

 

Superkraft Supereltern

Dies lässt sich eindrucksvoll innerhalb der eigenen filmischen Mythologie des Helden nachvollziehen. Im Science-Fiction- und Superhelden-Klassiker SUPERMAN von 1978 erzählt Regisseur Richard Donner die klassische Entstehungsgeschichte des titelgebenden Helden: Als Baby Kal-El wird der Held von seinen außerirdischen Eltern in letzter Sekunde in eine rettende Raumkapsel gelegt, die diesen vor dem Untergang des eigenen Planeten bewahrt. Die Raumkapsel bringt das Findelkind über eine mehrjährige Reise durch die Galaxien auf den Planeten Erde, wo sie mitsamt Insassen von dem menschlichen Ehepaar Martha und Jonathan Kent gefunden wird. Das Paar entscheidet sich schnell zur geheimen Aufzucht des Sternenkindes. Durch die veränderten Bedingungen auf der Erde gegenüber dem Heimatplaneten Krypton ist das Kind durch verschiedene außergewöhnliche Fähigkeiten gesegnet. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit zieht es den jungen Mann aus seiner Zieh-Heimat Kansas in die kühlen Weiten des Nordpols, wo er durch ein Artefakt mit seinen außerirdischen Wurzeln und dem biologischen Vater in Kontakt treten kann. Nach mehreren Jahren dieser Kontaktaufnahme und des Trainings zieht der Held als Superman in die Großstadt Metropolis, um dort für “Truth, Justice and the American Way” einzustehen. Neben einem bunten Kostüm, einer Vielzahl phantastischer Superkräfte wie einem Hitzeblick und der Fähigkeit zu fliegen, ist der Held aber mit der größten aller Kräfte ausgestattet: einer liebevollen Erziehung.

 

Diese Erziehung ist durch die doppelten Vatervorbilder auch einer doppelten Natur. Der Film zeigt verschiedene Episoden des heranwachsenden Clark Kent, die eindrucksvollste ist gleichzeitig die wirkungsvollste. Im Gespräch mit dem Adoptiv-Vater Jonathan äußert der Zögling seinen sichtbaren Frust über die Geheimhaltung seiner eigenen Fähigkeiten. Es entfaltet sich ein Dialog zwischen Vater und Sohn, der die nachvollziehbare pubertäre Frustration des Zöglings mit sich und der Welt ausformuliert. Der Vater aber reagiert gelassen. Er wisse auch nicht, was der Grund für die Kräfte des Jüngling oder der größere Plan für die weitere Entwicklung sei. Eins ist ihm aber klar: Es kann nicht darum gehen, simple Touchdowns im Football zu erzielen. Die Episoden im sonnendurchfluteten, ländlich-simplen Kansas vermitteln das Übrige. Regisseur Donner macht deutlich: Das ist ein liebevolles, geerdetes Elternhaus, in dem Clark Kent zu einem jungen Mann heranwächst. Verantwortungsbewusstsein hat hier nichts mit Trauma oder Bürde, sondern mit Menschlichkeit zu tun.

 

Umso größer der Kontrast bei den Episoden mit dem biologischen Vater. Hier herrschen durch Schneelandschaften und Eispaläste kalte und kantige Strukturen vor. Die Lektionen des biologischen Vaters Jor-El sind dabei kein direkter Gegensatz zu den Pflegeeltern, sondern harmonisieren mit diesen. Hier wird Verantwortungsbewusstsein durch die eigene Herkunft übertragen. Der Stolz der eigenen Wurzeln die wissenschaftlich-rational geprägte Kultur seiner kryptonischen Heimat fungiert dabei als lenkende Instanz für die emotionalen Lektionen der irdischen Aufzucht. Kurzum: Herz und Hirn, Leidenschaft und Verstand ergänzen sich und bilden das Fundament für den größten aller Werte, für den Superman immer und wieder eintritt: die Hoffnung. Und die ist ohne eine hoffnungsvolle, liebevolle Erziehung unmöglich.

 

Text: Christian Steiner, aus: MITTENDRIN, Ausgabe Februar/ März 2016, Foto: Pixabay

 

Autoreninfo: Christian Steiner, Jahrgang 1987 studierte Philosophie und Medienwissenschaft an der CAU Kiel. Seine Masterarbeit beschäftigte sich mit den ethischen Grundlagen der filmischen Superman-Mythologie. In seiner Freizeit podcastet er regelmäßig über Filme und neuerdings auch speziell zu Superhelden-Filmen.

 

www.secondunit-podcast.de
www.superherounit.de


Verfasst am 15. Februar 2016

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