Film

Was es heißt, Film zu verstehen

Der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat in seiner ausführlichen Schrift zum Medienverständnis (Understanding Media: The Extensions of Man) die in den 1960er Jahren vorhandenen Medien in ein binäres System aufgeteilt. Er unterscheidet zwischen “heißen” und “kalten” Medien. Wichtig bei dieser Aufteilung ist, dass es McLuhan nicht um die Inhalte, sondern die Medien selbst geht. Er beruft sich dabei auf den Grad der Partizipation während der Rezeption. Diese Unterscheidung ist nicht immer leicht verständlich und wurde durch die Geschichte
kontrovers diskutiert.

 

Als Beispiel kann aber das Comic-Medium herhalten: Durch die Präsentation simpler Bilder, die erst während des Anschauens und Lesens zu einer kohärenten Geschichten zusammentreten, ist es für ihn ein “kaltes” Medium, das viel Teilhabe für die Rezipienten fordert. Anders beim Medium Film. Für McLuhan ist der Film ein “heißes” Medium, das bei der Rezeption verstärkt auf das Visuelle und damit auf einen ganz besonderen Sinn setzt. Seiner Meinung nach ist es für die Zuschauer nur ein geringer Akt der Rezeption. Das mag für die simplen Sinneseindrücke zwar gelten, missachtet aber den größeren Aufwand, der für ein tieferes Filmverständnis nötig ist.

 

Das von McLuhan aufgestellte Argument des “heißen” Mediums Film lässt sich umgangsprachlich natürlich auch über’s Knie brechen: Filme verderben die Phantasie und sind ein passives Medium. Das mag sein, wenn man sie so einsetzt. Der Film, egal ob im Kino oder auf dem heimischen Bildschirm, ist aber viel mehr als das. Seine Rezeption erfordert einen hohen geistigen Einsatz. Und ganz wichtig: Sie muss erlernt und gefördert werden. Drei Aspekte sollen dies verdeutlichen.

 

Filmschauen heißt Mitdenken

 

Wie viel Einsatz die Rezeption eines Filmes den Zuschauern abverlangt, zeigt sich am besten beim gemeinsamen Filmeabend mit Kindern. Kinder verstehen, indem sie nachfragen: Wer ist diese Person? Wen hat die Protagonistin da gerade gerettet? Und was passiert als nächstes? Kinder schauen nicht nur Filme, sie hinterfragen. Alles. Und zeigen damit, was für eine große Arbeit das vermeintlich passive Medium da von ihnen abverlangt. Und uns Erwachsenen geht es nicht anders. Wir wissen diese Fragen nur anders, meist im inneren Monolog zu stellen. Das fällt uns in der Regel schon gar nicht mehr auf, so gewohnt sind wir an diesen Denkprozess. Er ist aber ein wichtiger Aspekt für die Teilhabe am Medium Film.

 

Auge_

Die Rezeption von Filmen ist mehr als nur passives Zuschauen.

 

Ohne diesen aktiven Prozess vermag es sich tatsächlich in eine passive Bilderberieselung zu verwandeln. Ähnlich versteckt, wenn nicht noch versteckter, verhält es sich bei einem weiteren Aspekt, der durch und durch cineastischer Natur ist: Dem Schnitt. Kein Buch, kein Bild und kein Musikstück nutzt ihn so wie der Film. Und ist dabei fundamental auf ihn angewiesen. Eigentlich ist der Filmschnitt ein kleines Wunder, das sich in einem wahnwitzigen Tempo durch das Medium arbeitet und von uns Rezipienten völlig selbstverständlich gedeutet wird. Der Sprung auf eine andere Kameraeinstellung oder gar eine völlig neue Verortung in Raum und Zeit irritiert uns Zuschauer schon gar nicht mehr. Dabei müssen wir dieses fast schon unauffällige Filmmittel jederzeit neu deuten. Anstatt uns stets aus dem Filmgenuss rauszureissen, lässt er uns intensiver in die Handlung eintauchen. Der Filmschnitt, das Zusammenfügen neuer Räume und Kontexte zu einem großen Ganzen erfordert eine aktivere Rezeption, als sie uns McLuhan oder der Stempel des “passiven Mediums” weismachen wollen.

 

Analyse und Spiel

 

Die Arbeit mit dem Medium Film geht aber auch nach dem Abspann weiter. Wer nach dem Kinobesuch auf dem Nachhauseweg weiter über das Gesehene diskutiert oder im heimischen Kinderzimmer die Handlung nachspielt, setzt genau dort an, wo auch die Filmwissenschaft arbeitet: Bei einem tieferen Filmverständnis. Die Filmwissenschaft gibt sich nicht mit 120 Minuten visueller Stimulanz zufrieden, sondern hinterfragt das Gesehene. Wie funktioniert der Film? Was will er mir sagen? Wie positioniere ich mich mit meinen Werten zu den Werten des Films?

 

Das ist eine gänzlich andere Diskussion als ein simpler Austausch über Prädikate wie “gut” oder “schlecht”. Das eigene Befinden steht dabei viel weniger im Vordergrund als die Suche nach Sinn. Auf dem Weg dorthin findet sich ein tieferes Verständnis. Oftmals machen es die Filmemacher und Filmemacherinnen unnötig schwer, ihre Botschaften zu entschlüsseln und eben jenes Verständnis zu finden. Dort vermag dann auch die Filmkritik anzusetzen und Urteile über die Qualität abzuliefern. Viel spannender ist es aber, diese Qualitäten nur als Ausgangspunkte für eine tiefere Analyse zu verstehen und den Film weiter zu entschlüsseln. Diese Arbeit ist es auch, die die Rolle der Filmwissenschaft so unabdingbar macht.

 

Autoren, Regisseure und Schauspieler können wie alle anderen Künstler bei ihrer Arbeit auf Intuitionen und Gefühle zurückgreifen, deren Bedeutungen erst in der nachgestellten Analyse erkennbar werden. Dieses Herausarbeiten von Bedeutungen heißt, Filme zu verstehen. Genau das tun wir Kinobesucher und Fernsehzuschauer, wenn wir uns aktiv in die Rezeption einschalten. Und genau das machen Kinder, wenn sie zu ihren Spielzeugen greifen und sich selbst in die Rolle ihrer liebsten Filmfiguren versetzen. Sie verarbeiten und verstehen das Gesehene aus einer aktiven Innenperspektive. Ihr Analyse-Werkzeug ist nicht der Kopf, sondern das Spiel.

 

Wer sich über den passiven Charakter des Film-Mediums auslässt, vermag eine aktive Rezeption nie erlebt zu haben. Kein Wunder, sie will genauso gelernt werden wie das Lesen, Tanzen oder Schwimmen. Und ist dabei genauso als Potenzial verankert wie alle anderen Lernprozesse. Erst mit der Übung entfaltet sie sich und kann bereits im Kindesalter beginnen. Durch eine pädagogische Begleitung von Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen. Durch frühe Filmgespräche zur gemeinsamen Reflexion des Gesehenen. Und ganz besonders durch das kindliche Spiel als weiterführende Auseinandersetzungen mit Filmen und ihren eigenen Welten. Dazu braucht es kein abgeschlossenes Filmwissenschaftsstudium. Es braucht nur kindliche Neugier und die Bereitschaft, Fragen an den Film zu stellen. Dann wird aus dem vermeintlich passiven Medium ein aktives, ein “kaltes” Medium mit McLuhan gesprochen, das einen hohen Grad der Partizipation abverlangt.

 

 Text: Christian Steiner, aus: MITTENDRIN, Ausgabe April/ Mai 2016, Fotos: pixabay


Verfasst am 14. April 2016

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